Grußwort anlässlich der Präsentation des Buches „Deutschland, Korea – geteilt, vereint“

in Bildung, Kultur, Gesellschaft, Buchmesse, Buchvorstellung, Frankfurt

am 20. Oktober 2005 auf der Frankfurter Buchmesse

 Korea ist das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Als Präsident der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft in Deutschland und Vorsitzender der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages ist es mir daher eine besondere Freude, als Herausgeber eines Buches vor Ihnen stehen zu dürfen, das anlässlich der Frankfurter Buchmesse erscheint und das in einer ausholenden, facettenreichen Darstellung die deutsch-koreanischen Beziehungen reflektiert. Diese Beziehungen bestehen offiziell seit über 120 Jahren. 1883 fand der Abschluss des ersten deutsch-koreanischen Handels-, Freundschafts- und Schifffahrtsvertrages statt. Doch der Beginn der bilateralen Beziehungen ist wesentlich eher anzusetzen. Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, muss ich Sie allerdings auf die Lektüre des Buches verweisen. In seiner Antrittsrede am 25. Februar 2003 hat der koreanische Staatspräsident Roh Moo-hyun eine mutige Vision für die koreanische Halbinsel gewagt:„Im 21. Jahrhundert müssen wir die koreanische Halbinsel in ein Land verwandeln, von dem für den Rest der Welt Friedensbotschaften ausgehen. Sie muss sich zu einem Tor des Friedens entwickeln, das Eurasien mit dem Pazifischen Ozean verbindet.“Mit unserem Werk nehmen wir diesen gedanklichen Faden auf. Herausgeber und Autoren wollen mit den bescheidenen Mitteln der Publizistik zur Überwindung des Anachronismus der koreanischen Teilung beiragen. Diese Teilung hat nicht nur viel Leid in die koreanischen Familien hinein getragen, sondern hat auch für weltpolitische Spannungen gesorgt. Der Titel „Deutschland, Korea – geteilt, vereint“ bringt zum Ausdruck, was der Herr Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler in einem Geleitwort zu dem Buch folgendermaßen ausgedrückt hat:„Eine Erfahrung verbindet Deutschland und Korea in besonderem Maße: das schmerzliche Erlebnis der Teilung des Vaterlandes, das ein wichtiges Thema dieses Buchprojekts ist. Wir Deutsche haben vor fünfzehn Jahre das Glück der Wiedervereinigung erlebt. Sie war das Ergebnis einer friedlichen und demokratischen Revolution der Menschen in Ostdeutschland. Dieses Glück der Wiedervereinigung wünschen wir auch unseren koreanischen Freunden. Deutschland unterstützt die Politik der Versöhnung und Annäherung auf der koreanischen Halbinsel. Sie entspricht unseren eigenen Erfahrungen auf dem Weg zur deutschen Einheit. Das vereinte Deutschland hat heute seinen festen Platz an der Seite seiner Partner in der Europäischen Union und im transatlantischen Bündnis. Wir freuen uns darüber, dass diese Form der multilateralen Zusammenarbeit mittlerweile Modellcharakter hat. Deutschland engagiert sich deshalb gerne und aus Überzeugung für die Vision des koreanischen Präsidenten, auch in Ostasien eine Zone von Frieden und Wohlstand zu schaffen.“Bevor die angesprochene Vision Wirklichkeit wird, müssen allerdings noch mühsam die Ebenen der Realpolitik durchschritten werden. Dazu gehört vor allem eine friedvolle Lösung der bedrückenden Nuklearkrise. Durch die Nuklearambitionen Nordkoreas behält die Region bis heute ihren seit dem Kalten Krieg bestehenden Status als besonders explosiver Krisenherd bei. Der Deutsche Bundestag hat sich zuletzt in einer einstimmig verabschiedeten Entschließung vom 29. Januar 2004 mit der Lage auf der koreanischen Halbinsel befasst und dabei im Hinblick auf die gegenwärtigen Sechs-Parteien-Gespräche zwischen China, den USA, Russland, Japan und den beiden koreanischen Staaten eine Konzeption entwickelt, die sich mit der Position der südkoreanischen Regierung deckt. So hat der Bundestag gefordert, „den Teilnehmern der sog. Sechsergespräche die guten Erfahrungen des KSZE-Prozesses in Europa zu vermitteln und zur Überwindung der gegenwärtigen Spannungen auf der koreanischen Halbinsel einen bereits in der Region diskutierten Prozess zu unterstützen, der nicht nur auf die unmittelbare Lösung des Nuklearproblems abzielt. Vertrauensbildung und Rüstungskontrolle, Wirtschafts- und Energiethemen, innergesellschaftlicher Wandel, Menschenrechte und ein breiter Dialog sowie ein Interessenausgleich sind ebenso wesentliche Ziele. Die Bundesrepublik Deutschland könnte so gemeinsam mit der Europäischen Union das regionale Bemühen um Sicherheit in Nordostasien dahingehend unterstützen, dass die Demokratische Volksrepublik Korea ihre Nuklearwaffenambitionen aufgibt, internationale Kontrollen wieder zulässt und dafür mittel- bis langfristig international eingebunden wird, Sicherheitsgarantien erhält und mit effektiven Hilfsmaßnahmen zur Energieversorgung zur Verbesserung der humanitären Lage ihrer Bevölkerung und zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes ausgestattet wird, die dann langfristig auch in eine politische Öffnung des Landes mündet.“ Südkoreas Ministerpräsident Lee Hae-chan hat in einem ausführlichen Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 19. Oktober eine ähnliche Konzeption vertreten und eine „asiatische OSZE“ vorgeschlagen, die einen „regionalen Ordnungsrahmen“ schafft, in dem friedliche Koexistenz möglich wird und die verhindert, dass der Gang der Ereignisse außer Kontrolle gerät. Ich begrüße sehr, dass parallel, ja sogar komplementär zu dem von mir herausgegebenen Werk Herr Prof. Gottfried-Karl Kindermann eine überarbeitete und aktualisierte Neuauflage seines bekannten Werkes „Der Aufstieg Koreas in der Weltpolitik“ ebenfalls im Olzog-Verlag vorgelegt hat. Gegenwärtig geht es außenpolitisch im Wesentlichen darum, den multilateralen Dialogprozess in Nordostasien zu verstetigen. Nur auf diesem Wege kann es gelingen, Nordkorea mittelfristig politisch zu öffnen und der gesamten Halbinsel sowie der Region langfristig eine  Perspektive des Friedens und des Wohlstands zu verschaffen. Prof. Kindermanns kenntnis- und detailreiche Veröffentlichung bewahrt indessen auf diesem Weg vor Illusionen und mahnt Politik als Kunst des Machbaren an.Doch das Machbare zeigte sich in einer durchaus vorsichtig-optimistisch stimmenden Grundsatzerklärung nach Ende der vierten Runde der Sechsergespräche am 19. September 2005. Nordkorea verpflichtete sich darin zur Aufgabe seines Nuklearwaffenprogramms und stellte die baldige Rückkehr unter das Regime des Nuklearen Nichtverbreitungsvertrages in Aussicht. Hoffnung besteht nunmehr, dass die Nuklearfrage grundsätzlich lösbar ist.Andere Themen, wie sie das Buch „Deutschland, Korea – geteilt, vereint“ versammelt, dürfen aber ebenso Aufmerksamkeit beanspruchen. Das gilt für die Wirtschaftsbeziehungen, den religiösen und interkonfessionellen Dialog, Fragen der Kultur und des Sports, der Menschenrechte und der humanitären Hilfe für die Menschen des Nordens. Nicht zuletzt drängt aber die Frage einer möglichen koreanischen Wiedervereinigung wieder in den Vordergrund. Die Republik Korea verfolgt dabei eine kluge Politik des Augenmaßes und des langem Atems, um alle Chancen für eine Überwindung der koreanischen Teilung zu nutzen. Dabei stellt die jüngste deutsche Geschichte Erfahrungen, aber keine Lektionen bereit.Abschließend darf ich mich bei allen, die zum Zustandekommen des Buches beigetragen haben, herzlich bedanken:
  • bei der Koreanischen Botschaft in Deutschland und der südkoreanischen Regierung für die vielfältige Unterstützung bei der Herausgabe des Buches,
  • bei den sehr namhaften Autoren, die nicht nur ihre Gedanken beisteuern, sondern dem Werk auch mit ihrer Reputation helfen,
  • bei Herrn Staatspräsidenten Roh Moo-hyun und Herrn Bundespräsidenten Prof. Dr. Horst Köhler für die ehrenvollen Geleitworte,
  • bei Herrn Jost Vielhaber, in dessen bewährten Händen die Redaktion des Buches lag,
  • sowie beim Olzog-Verlag, insbesondere bei Herrn Verleger Dr. Reinhard Möstl und Frau Lektorin Christiane Reinelt, für das verlegerische Engagement und für die spontane Bereitschaft, das Projekt in das Verlagsprogramm aufzunehmen.

 

Allen Lesern wünsche ich eine ebenso anregende wie informative Lektüre. Gerade für jene, die sich an der seit Jahren in Deutschland anhaltenden Reformdiskussion beteiligen, lohnt ein Blick in die Beiträge des Bandes aus koreanischer Feder. Südkorea war noch Anfang der 1960er Jahre ein in sehr bescheidenem Wohlstand lebendes Agrarland. Heute gehört es zu den sich technologisch und wirtschaftlich am schnellsten entwickelnden Volkswirtschaften der Welt. Bei internationalen Schulvergleichsstudien, Stichwort PISA, landen Südkoreas Schüler regelmäßig in der Spitzengruppe. Auch die Forschung des Landes braucht keinen Vergleich mit anderen Ländern, auch nicht mit Deutschland, zu scheuen. In Zeiten der Globalisierung müssen wir in globalen Maßstäben denken. Südkoreas rasante wirtschaftliche Erfolgsgeschichte kann auch uns in Deutschland dabei helfen, die richtigen Antworten auf die Fragen der globalen Herausforderungen zu finden.